FFM JOURNAL INTERVIEW mit Beate Herbst Leiterin Servicezentrum des Verbundes der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB)

Beate Herbst VÖBB © rheinmainbild.de/Klaus Leitzbach
Beate Herbst © rheinmainbild.de

Zur Person Beate Herbst:

Jahrgang 1961, arbeitete seit 1984 als Diplom-Bibliothekarin und Systembibliothekarin in verschiedenen Öffentlichen Bibliotheken.

 

Nach einem Aufbaustudium leitet sie seit 2011 das Servicezentrum des Verbundes der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB).

 

Der VÖBB ist ein Ausleih- und Katalogisierungsverbund an

dem die 88 öffentlichen Bibliotheken der Berliner Bezirke und der Zentral- und Landesbibliothek Berlin teilnehmen.

 

Das VÖBB-Servicezentrum nimmt die Aufgaben

einer Verbundzentrale für den Verbund wahr. 


Das Interview:

 

FFM JOURNAL:

Wann und warum haben Sie sich für den Beruf der Bibliothekarin entschieden?

 

Beate Herbst:

Schon vor ewigen Zeiten (1984). Gereizt hat mich vor allem die Möglichkeit vieler meiner Vorlieben ausleben zu können: Arbeit mit Menschen, die Präsentation und Vermittlung von Information und Kultur, die Arbeit in einer Non-Profit-Organisation.

 

FFM JOURNAL:

Wie hat sich das Berufsbild des Bibliothekars seit Ihrem Studium verändert?

 

Beate Herbst:

Ich hatte das Glück schon während meines Studiums in der Stadtbibliothek Wedding in Berlin zu arbeiten, in der Kundenorientierung, Medienvielfalt und unkonventionelle Lösungsansätze gelebt wurden. Diese Themen sind auch heute noch aktuell. Aber natürlich ist unser Beruf – wie unsere gesamte Gesellschaft stark von den Neuerungen wie Internet, digitalen Angeboten, Social Media, Open Data, massiver Informationsflut usw. betroffen. Unser Berufsbild muss auf diese Entwicklungen reagieren.

 

FFM JOURNAL:

Was gehört heute zu einem erfolgreichen Bibliothekskonzept?

 

Beate Herbst:

Unabhängig vom Bibliothekstyp sehe ich drei Säulen

  • Die Bibliothek als Ort der Informations-, Wissensversorgung und der Förderung von Medienkompetenz
  • Die Bibliothek als Ort der Produktivität und Kreativität (z. B. durch genügend Arbeitsplätze und Makerspaces)
  • Die Bibliothek als Ort der Kommunikation

FFM JOURNAL:

Welche weiteren Veränderungen im Dienstleitungsangebot öffentlicher Bibliotheken

sind in Zukunft noch zu erwarten?

 

Beate Herbst:

Fußend auf den von mir genannten Säulen erwarte ich eine Erweiterung bei den digitalen Angeboten

und der Beratung in diesem Bereich. Die traditionellen Felder wie Leserförderung werden durch die Nutzung digitaler Geräte und Angebote ergänzt. Hierzu könnte auch gehören, dass die öffentlichen Bibliotheken - z.B. über Crowdsourcing - interessante Informationen der Bürger sammelt und allen zur Verfügung stellt. Dabei ist die Bibliothek Garant dafür, allen Bürgern den Zugang - auch zu digitaler - Information zu ermöglichen. Die Bibliotheken werden ihre Aufenthaltsqualität verbessern. Ein sehr gute technische Infrastruktur (WLAN, gute Bandbreiten fürs Internet, Zugang zu

qualitätsgesicherter Information) und genügend Arbeitsplätze sind hierfür notwendig.

 

Ich glaube auch, dass die öffentlichen Bibliotheken mehr Raum für unterschiedliche Gruppen der

Gesellschaft bieten werden. Die Bibliothek z. B. als Treffpunkt verschiedener Selbsthilfe-Gruppen, denen dann auch Informationen zu ihren jeweiligen Themen zur Verfügung gestellt werden. Die Bibliotheken in Dänemark sind hier gute Vorbilder.

 

 

FFM JOURNAL:

Sind deutsche Bibliotheken im digitalen Zeitalter bereits so gut aufgestellt, dass sie auch in Zukunft weiterhin relevant bleiben?

 

Beate Herbst:

Bei der Beantwortung der Frage möchte ich mich auf die öffentlichen Bibliotheken konzentrieren.

Meiner Meinung nach gibt es einen gewaltigen Nachholbedarf. Die Herausforderungen der

digitalen Revolution braucht Geld, das öffentlichen Bibliotheken oft nicht bekommen.

Es braucht Hilfen des Gesetzgebers, damit Bibliotheken überhaupt die gängigen digitalen Angebote anbieten können.  (Die Anbieter wollen oft nur noch Endkunden bedienen. Die Bibliothek als „Zwischenhändler“ ist ungeliebt).

 

Oft geäußerte Vorstellungen „es gibt doch Google und im Internet finde ich alles was ich brauche“ oder „Amazon und Netflix decken doch schon alles ab“ sorgen dafür, dass die Wichtigkeit von Bibliotheken nicht (mehr) gesehen wird. Ich möchte nicht, dass Google und Co bestimmen, welche Information wir zu sehen bekommen. Entsprechende Lobbyarbeit halte ich für unabdingbar.

Daneben brauchen Bibliotheken für die neuen Herausforderungen gut ausgebildetes Personal, das

wir auch entsprechend bezahlen sollten. Die Tarifverträge für den Öffentlichen Dienst geben dies oft nicht her. Hier sind die Tarifpartner gefragt.

 

Natürlich gibt es auch schon gute Ansätze. Dies können sie zum Beispiel in Hamburg, Köln oder

beim Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB) sehen.

 


Bilder rund ums Interview

© rheinmainbild.de


 

FFM JOURNAL:

Wie wichtig ist für Sie noch das gedruckte Buch?

 

Beate Herbst:

Wenn ich in Urlaub fahre, lese ich lieber E-Books, für schnelle Recherchen nutze ich zuerst das Internet oder elektronische Datenbanken. Trotzdem lese ich immer noch auch viele gedruckte Bücher. So bevorzuge ich zum Beispiel bei Sachbüchern mit vielen Tabellen und Bildern das

gedruckte Buch. 

 

FFM JOURNAL:

Haben Sie ein Lieblingsbuch?

 

Beate Herbst:

Ich würde sagen, es wechselt. Auf meiner Lieblingsliste finden sich aber immer die Gedichte von Ingeborg Bachmann und Shikasta von Doris Lessing.

 

FFM JOURNAL:

Wird es in 20 Jahren noch gedruckte Bücher geben?

 

Beate Herbst:

Ich denke ja. Menschen lieben es, Bücher anfassen zu können und zu blättern. Allerdings glaube ich,

ich dass der Anteil der gedruckten Bücher im Vergleich zu E-Books sinken wird.

 

FFM JOURNAL:

Mit welchen Erwartungen sind Sie zum Bibliothekartag nach Frankfurt gekommen?

 

Beate Herbst:

Ich erwarte, Impulse für meine Arbeit zu erhalten und Gespräche mit Firmenvertretern, Kolleginnen

und Kollegen führen zu können.

 

FFM JOURNAL:

Frau Herbst, wir bedanken uns für das Interview.

 

(Das Interview wurde von Klaus Leitzbach beim 106. Bibliothekartag 2017 in Frankfurt am Main durchgeführt)


106. Bibliothekartag © rheinmainbild.de
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Die Reportage zum Interview finden Sie hier