Lyrik. Poesie. Kurzgeschichten.

Die wahre Geschichte der Evolution

eingesandt von Hans Werner Rech aus Hamburg

Wie ist das Universum aus dem Nichts entstanden?
Wie ist das Universum aus dem Nichts entstanden?

Im Anfang war das Nichts, genauer das Garnichts.

 

Es gab keine Zeit, keinen Raum und keine Materie.

 

Nichts wurde gedacht, nichts geredet und, was noch verwunderlicher ist, auch nichts vergessen.

 

In dem nicht vorhandenen Raum herrschte Langeweile und in den nicht vorhandenen Regalen sammelte sich nicht vorhandener Staub an. Die nicht vorhandene Zeit wurde nicht in Sekunden, Minuten, Stunden und Tagen bemessen, sondern in Trillionen von Ären. Jede einzelne Ära selbst war von unendlicher Dauer, weil sie ohne Anfang, ohne Ende und ohne Zeit war.

 

Im Nichts geschah nichts. Es gab keinerlei Bewegung, alles ruhte in sich selbst und in allem nicht vorhandenen Anderen.

 

Das Nichts verschwand, als sich so viel nicht vorhandener Staub angesammelt hatte, dass eines

der nicht vorhandenen Regale zusammenbrach. Der nicht vorhandene Staub wirbelte im nicht vorhandenen Raum und durch die Verwirbelung kam es zu einer Staubkonzentration. Nicht vorhandene Partikel ballten sich zusammen und bildeten bald die ersten vorhandenen Strukturen.

 

Aus Nichts war Etwas geworden, die erste Materie hatte sich gebildet. Es vergingen viele Ären, die jetzt, weil in ihnen Materie vorhanden war, jeweils einen Anfang und ein Ende hatten. Niemand berechnete die Zeit, weil es niemand gab, der das hätte tun können. Aber zwischen dem Anfang und dem Ende jeder Ära gab es sie jetzt, die Zeit. Und sie bewegte sich immer in die gleiche Richtung, nämlich nach vorne. Damit entstand auch der Raum, weil dort, wo sich etwas bewegt, ein Raum sein muss, in dem sich das Bewegende bewegt. Zeit, Raum und Materie kombinierten sich zu einer Welt.

 

Das Nichts hatte in einem begrenzten Raum aufgehört zu bestehen. Es gab zwar noch Nichts, aber das war neben dran, neben dem Nichtnichts. Weil das Nichtnichts eine Zeit und einen Raum hatte, dort sich aber der nicht vorhandene Staub zu kleinsten Materieklümpchen verknotete, sonst aber nichts passierte, entstand der Wille dass etwas passiere. Seine Grundbestandteile waren, wissenschaftlich gesehen, Raum, Zeit, Materie und Langeweile.

 

Der Wille wollte, dass etwas geschieht, sich etwas entwickelt, eine Veränderung eintritt. Doch Raum, Zeit und Materie können nicht denken. Deshalb brauchte der Wille erst mal einen Apparat, mit dem Gedanken geformt, Bedürfnisse erdacht und Forderungen gestellt werden konnten. Weil das Nichtnichts aber nicht denken konnte und Computer noch nicht vorhanden waren, musste erst eine Entwicklung in Bewegung gesetzt werden, dessen Endergebnis gedachte und gesteuerte Aktion war.

 

Es vergingen viele weitere Ären unendlicher Langeweile, bis aus einem anderen Nichts ein nicht existierender Blitz kam und die nicht vorhandenen Staubklümpchen aus den nicht vorhandenen Regalen in dem nicht vorhandenen Raum in einem kosmischen Gewaltakt so verwirbelte, dass ein menschliches Gehirn dabei herauskam. Das Gehirn bewegte sich in einem unendlich großen nicht existenten Raum und dachte nach. Es existierte noch kein Leib.

 

Deshalb konnte das Gehirn sich nicht bewegen. Es war also noch kein Gehirn, sondern nur ein einfaches Hirn. Es baumelte da so rum und versuchte durch Gedanken auf die nicht vorhandene Materie Einfluss zu nehmen, damit endlich etwas Interessantes geschah. Nach mehreren Ären des Nachdenkens kam dem Hirn die grundlegende Idee. Es entwickelte die Evolutionstheorie. Von da an hörte das Nichtnichts auf. Die Zeit wurde messbar und das Ende wurde absehbar. Imaginäre Prozesse begannen ihr Werk nach dem Bauplan des Hirns. Materie rotierte, Kräfte wirkten. Galaxien entstanden und bildeten ein Universum, das sich eine Grenze schuf und diese in einer gewaltigen Kraftanstrengung immer weiter ausdehnte.

 

Das Hirn konnte nichts sehen, nichts riechen, nichts hören. Dazu fehlt noch immer der Leib und die Sinnesorgane. Aber es spürte, dass es etwas Gewaltiges in Entstehung gebracht hatte. Je größer sein Gespür für dieses Ereignis, desto angestrengter dachte es weiter und schwebte ohne Steuerung im neu und selbst erdachten Universum herum. Auch dabei vergingen riesige Zeiträume, die mit keiner Rolex gemessen werden können.

 

Doch irgendwann stieß das Hirn mit einem nicht existenten Materieklumpen zusammen und landete damit auf dem Haufen Staub, den wir heute Erde nennen. Dort erdachte es sich wunderliche Prozesse und Verfahren und schuf so im Lauf von vielen Epochen erst Wasser und Luft, dann Pflanzen, dann Tiere und zum Schluss den Menschen. Der erdachte später Computer. Endlich konnte auch das Internet erschaffen werden. Die Evolution hatte ihren Höhepunkt erreicht. Nun war kein Ding mehr unmöglich.

 

Dem Internet folgten die Mobilfunknetze und globale Positionierungs-Systeme, später die Versorgung mit Wasserstoffstrom und zum Schluss erfand man eine Waffe gegen das Nichtnichts. Es war ein Irrer, der sie auslöste. Er schüttete seinen Kaffee in die Tastatur seines hiC (hirnimplementierter Computer), was zu einer Fehlinterpretation seiner Tastatureingaben führte. Die Explosion der Waffe löschte das Nichtnichts aus.

 

Damit verschwanden auch die nicht vorhandenen Regale in den nicht vorhandenen Räumen, die nicht vorhandene Materie, die ebenso wenig existierende Zeit und auch der ganze Rest. Überall war wieder das Nichts. Kein Nichtnichts ist seither je wieder irgendwo entdeckt oder gesehen worden. Die Evolution hatte geendet.

 

Einige kleine Fragen blieben damals jedoch für immer unbeantwortet.

 

Wie kam dieser Text zustande?

 

Wieso gibt es jemand, der ihn liest?

 

Wann liest er ihn und wo kommt dafür die Zeit her?

 

Aus was besteht das nichtexistente Papier?

 

Es wird neue Ären geben. Vielleicht wird man es dort klären können.

 


Überzählig?

eingesandt von Richard Sann aus Frankfurt am Main

© rheinmainbild.de 2017
© rheinmainbild.de 2017

 

 

Fühlst du dich als‚ fünftes Rad am Wagen’,

 

Überzählig hier und dort?

 

Lehren dich die Hand, der Fuß, die Sinne:

 

Werde inne, Dass es jeweils fünfe sind,

 

die zusammen aufeinander angewiesen sind.